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Eiserner Vorhang
 
"Eisernes" PVC in der Wiener Oper

Man kennt das Phänomen: In Österreich geniessen kulturelle Fragen eine Popularität, die in anderen Ländern nur sportliche Top-Events erreichen. Und wenn an nationalen Kulturdenkmälern gerüttelt wird, dann lässt das keinen ungerührt. Jüngstes Beispiel: der Eiserne Vorhang der noblen Wiener Staatsoper. Als dieser erneuert werden sollte, entfachte sich eine monatelange, hitzige Auseinandersetzung.

Die einen empfanden ihn als ästhetische und politische Peinlichkeit und wollten ihn entfernen: den von Rudolf Eisenmenger, einem auch während der NS-Zeit vielbeschäftigten Künstler, im Jahr 1955 gestalteten Vorhang. Die anderen wollten das "Orpheus und Eurydike"-Bild unbedingt belassen, da sie es als Symbol für das Österreich nach dem 2. Weltkrieg betrachten. Nach emotionsgeladenen Diskussionen fand sich ein typisch österreichischer Kompromiss:

Der Vorhang bleibt, doch man sieht ihn nicht mehr.
Die 176 m2 große und 16 Tonnen schwere Brandschutzwand wurde mit PVC ummantelt. Die neue "Haut" wiegt lediglich 70 Kilogramm, sodass sie mit einigen münzgrossen Magneten befestigt werden kann - das umstrittene Eisenmenger-Werk wird also weder angebohrt noch sonstwie beschädigt und kann - allerdings nur in den Sommermonaten - in alter Pracht besichtigt werden.

Die PVC-Folie ihrerseits wird von internationalen Künstlern gestaltet und mit der von der österreichischen Firma BEKO entwickelten CALSI-Großbildtechnik produziert. "Es handelt sich dabei um eine computergesteuerte Malmaschine, mit der Bilder in praktisch jeder Grösse hergestellt werden können", erklärt Peter Kotauczek, BEKO-Gründer und Geschäftsführer. "Man kann die Technik mit jener der Graffitti-Künstler vergleichen, doch sie ist verfeinert und automatisiert. Die Farben kommen aus Düsen und werden während des Auftragens gemischt. CALSI druckt nicht, es malt. Und das spielt die entscheidende Rolle. Gedruckte Bilder haben einen Raster, der einzelne Bildteile bei der Vergrösserung nicht völlig auszufüllen vermag. Mit dem Computer können wir die fehlenden Elemente ergänzen."

Gemalt wird auf PVC, das sich dafür laut Kotauczek am besten eignet: "PVC-Folien sind flexibel und leicht, ohne sich zu verziehen oder Falten zu werfen. Das Material muss beständig gegen ultraviolettes Licht sein: Das Weiss des Untergrundes darf nicht vergilben, da es sonst die ästhetische Qualität des Bildes beeinträchtigt. Das geht am besten mit PVC, auf dem sich auch die Acrylfarben gut verankern lassen. Baumwolle oder Leinwand saugen zu viel Farbe auf, dadurch werden Konturen unscharf. Zu guter Letzt wirkt PVC auch brandhemmend, und das ist gerade für den Eisernen Vorhang besonders wichtig."

Neue Räume für die Kunst

Das bahnbrechende Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Iniiative "museum in progress" entwickelt. Diese Gruppe hat es sich zum Ziel gesetzt, der zeitgenössischen Kunst neue Räume zu öffnen. Eine internationale Jury wählt die Künstler aus, die die Brandschutzwand für jeweils eine Spielsaison gestalten. Den Anfang machte die afroamerikanische Künstlerin Kara Walker. Sie nahm Eisenmengers Goldgrund und sein Bildelement der Eurydike in ihr Scherenschnittmotiv auf. Das märchenhaft anmutende Bild zeigt, so Walker, die Abgründe europäischer Kultur beim Umgang mit dem Fremden. Einige der berühmtesten Opern - wie Aida, Madame Butterfly oder die Entführung aus dem Serail - spielen ja in der exotischen Fremde und haben Protagonisten, die auf Klischeefiguren reduziert sind. Kara Walker lieferte ein Dia ihres Entwurfs, das im Computer bearbeitet und dann auf fünf Meter breite PVC-Bahnen "gemalt" wurde. Diese können ohne sichtbare Nahtstellen aneinandergeschweißt, mit Magneten versehen und montiert werden.

Bis zum Jahr 2002 wird während der Opernsaison (zehn Monate) jeweils ein zeitgenössisches Kunstwerk vor den bestehenden Eisernen Vorhang gespannt. Nach Ende der Spielzeit werden die riesigen Bilder verwahrt und können bei anderer Gelegenheit - wie etwa internationalen Kunstmessen - wieder ausgestellt werden.


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