Es ist selten, dass Kunst über Jahrzehnte hinweg nichts von ihrer Aktualität
verliert. 30 Jahre und älter sind die verblüffenden Ideen von Walter
Pichler - und heute brisanter denn je. Denn bereits die "wilden 60er"
träumten von (oder bangten vor?) der "virtual reality".
Walter Pichler baut Häuser. Dennoch sagt
er, dass er einem Beruf nachgehe, den "eigentlich niemand so richtig braucht".
Wie das? Die Häuser des 1936 in Südtirol geborenen Allround-Künstlers
dienen ausschließlich dem Zweck, seine Skulpturen zu beherbergen. Denn er
habe nie verstanden, dass jemand, der Skulpturen macht, "sich nicht auch
um den Raum kümmert, der diese Skulpturen umgibt." Er selbst könnte
niemals "so sorglos mit Raum umgehen". Von Anfang an hat er zu seinen
Plastiken immer auch Räume entworfen und Häuser - Be-Hausungen im wahrsten
Sinne des Wortes - skizziert. Damit ist seinen Arbeiten der Bezug zur Architektur
immanent - Pichler selbst will sie eher als Räume denn als "schlichte"
Skulpturen verstanden wissen.
Zur lebenden Legende wurde der unkonventionelle Bildhauer mit den "Prototypen",
einer Serie von konzeptuellen Arbeiten, die in den 60er Jahren entstanden sind.
"Die Idee war eine Substitution der Welt, eine Isolation, die sich gegen
das Individuum richtet", äußerte sich Oswald Wiener, ein Weggefährte
Pichlers in jenen Tagen, anlässlich einer Ausstellung der Prototypen in
Wien. Und das, lange bevor die Pseudo-Realität der weltweit vernetzten
Computer unser aller Leben eroberte.
"Sie waren wie Massenprodukte gebaut, zwar mit einfachen handwerklichen
Mitteln - quasi am Küchentisch, aber immer mit dem Gedanken an eine industrielle
Serienproduktion", erinnert sich Pichler. Der Künstler machte sich
dabei die damals "neuen" Materialien wie Polyester, Plexiglas, PVC
und Aluminium zunutze. Denn Pichlers Interesse lag darin, "temporäre
Sachen" zu schaffen. Es galt, Materialien einzusetzen, die einen raschen
Auf- und Abbau zuließen. Gleichzeitig benötigte er ein wandelbares
Material. In der PVC-Folie fand Pichler einen idealen "Spiel-Partner":
Als Ballon umgab sie seine Skulpturen und ließ, vollgepumpt mit Luft,
in Sekundenschnelle den passenden Raum entstehen.
Walter Pichlers "Prototyp 3, Großer Raum" (1966) erreicht im
aufgepumpten Zustand einen Durchmesser von fünf Metern. Die PVC-"Blase"
kann - aus heutiger Sicht - durchaus als Vision von Datenhighway und Internet
gedeutet werden.