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Bernhard MarkwitzBernhard Markwitz
 
Der Schwimmlehrer der Nationen

Gasfeuerzeug, Schuhlöffel, Taschenlampe: Kleinigkeiten, die uns einerseits unverzichtbar, andererseits selbstverständlich sind. Tatsache ist aber: Auch sie mussten einst erfunden werden. So wie die Schwimmflügel.

Dieser Mann hat den Menschen Flügel verliehen - und sie damit das Schwimmen gelehrt: Bernhard Markwitz. Am 13. Juni 1964 hatten seine "Schwimmflügel" im Schwimmbad Hamburg-Ohlsdorf ihren ersten offiziellen Auftritt vor der - zunächst recht skeptischen - Welt. Ein geschichtsträchtiges Datum - die Erfindung sollte die Welt erobern. 145 Millionen Paar der Original BEMA-Schwimmflügel wurden seitdem auf den Weltmarkt gebracht - man darf diese Zahl getrost mit zwei oder drei multiplizieren, um auf die Anzahl der Menschen zu kommen, denen die "Flügel" das "Schwimmenlernen" erleichtert haben.

Das prägende Erlebnis

Am Anfang steht - wie so oft bei Neuerungen - ein schreckliches Erlebnis. In einem unbeobachteten Moment fällt die 3jährige Tochter von Bernhard Markwitz, Annette, in den kleinen Teich im Garten des Wohnhauses der Familie. Sie wird von den Eltern gerettet - doch der Vorfall prägt den geprüften Rettungsschwimmer und ehrenamtlichen Schwimmlehrer der DLRG. Das war 1956 - es sollte noch einige Jahre dauern, bis die "Oberarm-Schwimmhilfe" (so der korrekte Ausdruck) serienreif wurde. Was aus heutiger Sicht selbstverständlich scheint, daran hatte zuvor keiner gedacht: "Wenn Sie untertauchen wollen, müssen Sie den Widerstand der Schultern überwinden. Umgekehrt - wenn Sie das Untertauchen verhindern wollen, müssen Sie diesen Widerstand verstärken. Auf den Drehpunkt kommt es an, um das Vornüberkippen zu verhindern", erklärt Markwitz. An Land ist der Drehpunkt in der Hüfte ("Wenn man beim Bücken nicht in die Knie geht, was man aber eigentlich sollte"), im Wasser hingegen in Schulterhöhe.

Bei den altherkömmlichen Schwimmhilfen aus Kork oder Gummi, die um die Mitte des Körpers angebracht werden, kippt der Oberkörper vorne über. Markwitz' Versuch, die Westen oder Gürtel in Brusthöhe anzubringen, scheiterte: die Arme waren im Weg. Markwitz: "Was im Weg ist, dachte ich, muss man ausräumen oder überbrücken." Also: die Arme. Mit Ballonreifen vom Tretroller seiner Tochter an den Armen überprüfte er seine Überlegung - doch die Tragfähigkeit war nicht ausreichend. "Das Prinzip meines Gedankens war richtig. Ich stand zwar im Wasser ohne Bodenberührung, doch die Atemorgane waren unter Wasser. Ich brauchte mehr Luft als Trageobjekt." Markwitz benötigte "Schwimm-Ringe" aus leichterem Material. Nach Experimenten mit Kaliko (einem Material, das man zum Einbinden von Buchrücken nahm) stieß er auf PVC. Es funktionierte. "Wir haben uns langsam r'angeschlichen."

Doch die Ringe unterbrachen die Blutzirkulation am Arm. Abhilfe schaffte die "Markwitzsche Leiste", die Abflachung für die Innenseite des Armes. Für die verschiedenen Armgrößen wurden "fast tailormade" 4 verschiedene Größen von Flügeln geschaffen. Zunächst hatten sie nur eine Luftkammer. Da Kinder beim Spielen schon einmal den Stöpsel herausziehen können, schuf Markwitz eine zweite Kammer - und damit ausreichende Tragfähigkeit auch "im Falle des Falles". Die ersten tauglichen Flügel stellte eine Kleiderbügel-Firma in Topfschweißung für ihn her. "Die Entwicklung ging voran: ich bevorzugte die bessere und saubere Verschweißung, zumal auch das PVC immer besser und dem neuen Stand der Technik entsprechend weiterentwickelt wurde. Ein Fortschritt, den ich mir sofort aneignete", erinnert sich der Pionier. Bald begann die Zusammenarbeit mit der Firma Wehncke, die bis heute andauert.

Ein konsequenter Weg

"Wenn ich etwas will, dann ziehe ich das auch durch", ist der schlichte Rückblick des Skorpion-Geborenen auf seine ungewöhnliche Karriere. Und: "Stress gab's nie und gibt es nicht. Das ist nur falsche Zeiteinteilung." Kaum zu glauben angesichts der Vielfalt von Produkten, die heute zum BEMA-Sortiment zählen: Neben den "Flügeln" - geschätzter Anteil am Weltmarkt rund 80 Prozent - zahlreiche andere Schwimm- und Wassergeräte, aber auch medizinische und therapeutische Hilfen.

Eine der jüngsten Erfindungen: eine aufblasbare Boje, die "Sea-Diving-Security Boje". An einem Schwimmer oder Taucher befestigt, warnt sie andere Wassersportler oder Bootfahrer vor Kollisionen. Der Unfall eines bekannten deutschen Schauspielers hat Markwitz dazu angeregt. Und auch der Klassiker des Sortiments wurde und wird laufend weiterentwickelt. Denn auch Gutes ist verbesserbar. Jetzt hat BEMA den Schwimmflügeln abgerundete Ecken verpasst, um Verletzungsgefahren auszuschalten.

Das Reich des Patriarchen

Hamburg-Pöseldorf. "Feiner geht's nicht mehr", klärt der Taxifahrer den Ortsfremden auf. Doch wer eine typische Konzernzentrale erwartet, wird überrascht: Ein einstökkiges, gemütliches Wohnhaus mit einem naturbelassenen Vorgarten und Goldfischteich. Herr Markwitz, Mitglied der International Swimming Hall of Fame und Ehrenmitglied der DLRG, Initiator des Baby- und Kleinkinder- sowie des Vorschulschwimmens, empfängt in einem Büro voller Erinnerungsstücke und Fotografien. Er, vier Damen im Büro und ein Lagerleiter managen den gesamten Betrieb. Produzieren lässt er in Bangkok ("Anders ist das bei den geringen Spannen nicht mehr möglich"), geliefert wird primär an Grosshändler und Einkaufsgemeinschaften. Der heute (man glaubt es dem agilen Mann kaum) 80jährige hat einen "typisch deutschen" Lebenslauf. Aus einer Königsberger Hoteliersfamilie stammend, ist er bei Ausbruch des Krieges in Brasilien, um Sprachen zu studieren. Das Schiff, mit dem er zurückkehren will, wird versenkt, er gerät in Gefangenschaft in England und Canada. "Eher zufällig" kommt er, der in seine Heimat nicht zurückdarf, nach Hamburg. Schlägt sich als Dolmetsch und Leiter eines Feriendorfes der "Salvation Army" durch. Nach der Währungsreform macht er sich als Großhändler selbständig.

"In erster Linie Sportler"

Doch Schwimmen war immer schon sein eigentliches Leben gewesen - mit knapp 17 war er geprüfter Rettungsschwimmer, nahm als Mitglied der Schwimmmannschaft an den Olympischen Spielen teil. "In erster Linie Sportler, erst dann Kaufmann" charakterisiert er sich selbst. Vielleicht ein Grund, daß er zeitlebens mit Neidern, Kopisten und unlauterem Wettbewerb zu kämpfen hatte. Über Enttäuschungen, etwa Patentstreitereien, finanzielle Unregelmässigkeiten von Mitarbeitern oder falsche Lehrmeinungen über das Kinderschwimmen, will es daher auch gar nicht lange sprechen. Seinen Humor hat es jedenfalls nicht beeinträchtigt: "Können Sie einen Flachs vertragen", lockt er die Kellnerin im Restaurant ebenso aus der Reserve wie unsere Fotografin. "Vom Schwimmlehrer zum Millionär" titelte unlängst ein deutsches Magazin. "Unsinn", winkt Markwitz ab. Er hat immer in den Ausbau des Unternehmens, vor allem aber in die Verfeinerung seiner Produkte investiert. "Ich habe einen guten Namen, den ich zu erhalten habe. Millionär schmeichelt, gibt aber falsche Aufschlüsse. Weil es leider nicht den Tatsachen entspricht."

A propos "guter Name". In dieser Hinsicht habe die PVC-Industrie, meint Markwitz, in den vergangenen Jahren zu wenig getan. Der Werkstoff verdiene konsequentere Vertreter. Auch er wurde vielfach kontaktiert, ob er PVC nicht ersetzen wolle. "Ich habe das Greenpeace mehrmals gesagt: Bringt mir ein Material, das dasselbe kann, ebenso sicher ist und ein adäquates Preis/Leistungsverhältnis bietet. Dann werde ich es als Alternative prüfen." Allein - diesen Anforderungen konnte für die Schwimmflügel bisher kein anderer Werkstoff gerecht werden. "Man muss sich doch das Produkt anschauen und was es können muss, und nicht nur einfach ein Material ablehnen", fordert Markwitz. Sonst wäre das höchste Gebot für BEMA-Artikel - Sicherheit - in Gefahr. "Von der Qualität der Produkte hängen ja Menschenleben ab."

Anmerkung: Bernhard Markwitz ist kurz nach der Veröffentlichung dieses Artikels im Frühjahr 2000 verstorben.




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