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Visionen auf Vinyl:
Videos vom Plattenspieler

September 2000
. Der österreichische Künstler Gebhard Sengmüller verblüfft mit ungewöhnlichen Video-Performances die Avantgarde dies- und jenseits des Atlantischen Ozeans. Nach erfolgreichen Auftritten in Wien, Rotterdam und Montreal hat er nun auch im Kunstmekka New York für Aufsehen gesorgt. Dem mit filmischen Spezialeffekten à la "Jurassic Park" verwöhnten Publikum wird etwas Neues, nämlich eine Reise in die Vergangenheit und zugleich in die Zukunft geboten: "VinylVideo" - das sind Videos, die von einer ganz gewöhnlichen Schallplatte abgespielt werden.

Die Idee dahinter ist einfach und zugleich revolutionär: Mit einer eigens entwickelten Technologie wird das Video in ein analoges elektrisches Signal umgewandelt, das zur Pressung einer Schallplatte verwendet wird. Diese legt man auf einen normalen Plattenspieler auf. Über das "VinylVideo Home Kit" - eine kleine Box, die den Plattenspieler mit einem Fernsehapparat verbindet - wird das elektronische Signal wieder in ein Ton-Bild-Video zurückverwandelt, das auf dem TV-Gerät angesehen werden kann. Ein gewisser Qualitätsverlust im Vergleich zu herkömmlichen Videorekordern muss dabei in Kauf genommen werden. Durch die notwendige Reduktion der Bildauflösung werden die Filme schwarzweiß und rufen Erinnerungen an die Frühzeit des Fernsehens wach. Es entsteht eine ganz neue Ästhetik, die Künstler und Filmemacher zum Experimentieren einlädt. Außerdem eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten bei der Präsentation: Denn ähnlich wie ein DJ kann der vorführende Künstler auch das auf einer "VinylVideo"-Platte gespeicherte Material verfremden, indem er die Nadel des Plattenspielers versetzt oder die Abspielgeschwindigkeit verändert - Videoscratching, Filmvorführung als einzigartige Live-Performance.

Gebhard Sengmüller, der "VinylVideo" mit der technischen Unterstützung von Martin Diamant und Günter Erhart entwickelt hat, wollte damit eine jahrzehntelange Lücke in der Mediengeschichte füllen. Denn in der Zeit zwischen 1935, dem Beginn des Fernsehens, und 1958, als die ersten Videorekorder auf den Markt kamen, schien es unmöglich, Fernsehgeschehen festzuhalten. Zwar gelang es dem Schotten John Logie Baird in den späten 20er Jahren mit seinem Apparat "Phonovision" Videosignale zu speichern, doch das Abspielen klappte nicht. Er hatte nämlich im Gegensatz zu den hochwertigen PVC-Platten von heute nur eine Wachsplatte zur Verfügung. "Wir haben mit VinylVideo eine Art Missing Link in der technischen Entwicklung geschaffen", sagt Sengmüller. "Es ist ein Stück Fake-Medien-archäologie und gleichzeitig eine Vision völlig neuer Live-Bildmischtechniken."

International bekannte Künstler - unter ihnen Kristin Lucas, Heimo Zobernig, Oliver Hangl und Annika Eriksson - haben mit der "VinylVideo"-Methode bereits experimentiert. Auf der Website www.vinylvideo.com kann man sich Ausschnitte aus ihren Videoplatten anschauen, sich über Sengmüllers Erfindung informieren und für eine Handvoll Dollar die Ausrüstung für das Heimkino vom Plattenspieler erwerben.


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